Phantom Ghost ist das gemeinsame Projekt von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und dem Allround-Musiker Thies Mynther (Stella, Superpunkt) und feiert dieses Jahr bereits sein 15-jähriges Jubiläum. Anlässlich dieses großartigen Events lud das Duo ins Haus der Berliner Festspiele nach Berlin und präsentierte 90 Minuten Avantgarde, Fantasie, Glitzer und Plüsch.

Wie schon auf ihren Platten entpuppten sich am Montagabend Lowtzow (Phantom) und Mynther (Ghost) große Meister der Inszenierung. Im Rahmen der Berliner „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele erhielt das Avantgarde-Programm nun eine weitere künstlerische Ebene – besonders auch Dank des beeindruckenden Bühnenbilds der Künstlerin Cosima von Bonin. So erlebten knapp 900 Besucher eine außergewöhnliche Uraufführung.

Nachdem die Theaterglocke dreimal geschrillt hatte und alle rasch ihre Plätze eingenommen hatten, schritten Phantom Ghost gemächlich auf die Bühne, begannen ihr Spiel mit den Gegensätzen. Das wurde am Montagabend auch im Mittelteil deutlich als Dramaturgen Eike Wittrock in Birkenstock-Latschen, kurzer Hose und buntem Strickpulli auf der Bühne in mehrerlei Hinsicht für einen Stilbruch sorgte, sondern auch noch ein Kurzreferat zum Thema „Danse Fantastique“ hielt (dem die Band ganz gespannt am Boden sitzend mit einem Sekt in der Hand zuhörte). Dennoch rutschte das Programm nicht ins Lächerliche ab, passte stattdessen perfekt an diese Stelle und verdeutlichte die Intention von Lowtzow und Mynther noch deutlicher. Die Uraufführung ihrer „Retrospectres – Phantoms and Ghosts (1999–2014)“ erhielt damit noch mehr Tiefe und Sinn. Denn damit waren auch die maritimen Plüschtiere (eine Krabbe am Bühnenrand, Muscheln in einer Schaukel, Hai am Klavier) und die Hafenbar-Elemente (Leuchtreklameschilder und Straßenlampen) in den Kontext des Balletts des 19. Jahrhunderts gesetzt.

>> Alle Fotos von Phantom Ghost @ Haus der Berliner Festspiele Berlin findest du auch auf Flickr

In seinem Glitzerhemd lebte Lowtzow in seiner dramatischen, exaltierten Manier die Dichtung des viktorianischen Zeitalters, der Verworrenheit der Freudschen Psychoanalyse und hauchte den Songs die verwegene Spannung ein. Es geht ums Scheitern, Schwäche und darum, sein Schicksal einfach anzunehmen. Als Lowtzow mit seiner leicht rauen und mit Schlenkern versehene Märchenonkelstimme und dem deutschen Akzent Songs wie „To Damaskus“, „My Secret Europe“, „Thrown Out of Drama School“ oder „Relax It’s Only A Ghost“ sang, herrschte absolute Ruhe, die nur durch das Klappern von Fächern (als Klimaanlagenersatz) euphorisches Klatschen zwischen den Songs durchbrochen wurde. Mynthers Spiel auf dem großen Flügel fügte sich dabei ganz dezent ein. Ohne besonders exponierte Spielweise oder besonderen Schnickschnack kreierte er wunderschöne Harmonien und Melodien, die als abrundender Spannungsbogen diente.

Ein besonderes Highlight an diesem Abend war übrigens auch die von den Modemacherinnen Augustin Teboul stammende elegant-minimalistische Garderobe von Phantom Ghost (Glitzerhemd, Federmantel, Fransenbolero bei Lowtzow und ein immer länger werdender schwarzer, mit Glitzer versehener Mantel bei Mynther) und den beiden Background-Künstlerinnen und Puppenspielerinnen Tucké Royale und Rike Schuberty.

Die beiden Musiker von Phantom Ghost verbindet seit 15 Jahren die große Liebe für das Varieté, das Fantastische, Verträumte, die Theatralik und gleichzeitig das Kuriose ohne dabei die Ironie und das Augenzwinkern zu verlieren. „Hier ziehen wir ein“, rief Dirk von Lowtzow irgendwann mit Blick auf die Bühnendekoration so halb ins Publikum. Verständlich. Denn so wohl wie sich Phantom Ghost auf ihrer Bühne fühlten, so angenehm angetan, waren die Besucher der Berliner Festspiele und wollten ebenso wenig ihre Reise ins Fantastische beenden. Trotz der kunstvollen Inszenierung herrschte dennoch nie das Gefühl einer gekünstelten, unnahbaren Atmosphäre. Eine perfekt inszenierte, pathetische und leicht wahnsinnige Reise ins Fantastische!

Phantom Ghost auf Facebook