Die Nachrichten überschlugen sich in Szenekreisen, als The Knife im Spätsommer verkündeten, dass die aktuelle Tour zum Album „Shaking the Habitual“ ihre letzte sein würde. Denn es war ihr Anti-Elektropop, der die vergangene 15 Jahre für irritierende und faszinierende Klangwelten maßgeblich definierte und mit „Pass This On“ einen wunderbaren Song zum Generationssoundtrack beisteuerte und mit dem Anti-Liebeslied „Heartbeats“ eine Vorlage für die wohl schönste akustische Coverversion legte, die durch den schwedischen Kollegen José González perfektioniert wurde.

Doch stehen The Knife, das heißt das Geschwisterpaar Olof und Karin Dreijer, vor allem auch für ihre Sozialkritik, das Anprangern von strikten Hierarchien und Konsum – und das nicht nur auf Platte, sondern auch live. Dabei gehen sie nicht auf den üblichen abgetrampelten 08/15-Wegen, sondern wählen extrovertiertere, lautere Mitteilungsformen und –arten. Also genau das, was die Fans an der Band lieben und schätzen.

Das zeigte auch das Konzert am Montagabend in der Berliner Arena. Denn anders als üblich stand keine Vorband auf der Bühne, sondern eine große Tänzerin, die mit dem Publikum „DEEP“-Aerobic-Übungen (Death Electro Emo Protest Aerobics) absolvierte und dabei betonte „I am not a woman. I am not a man. I am both. I am none.“ und auch im Namen von The Knife eine Bitte der Kreuzberger Flüchtlinge vorträgt. 30 Minuten später endete dieses Spektakel und The Knife betraten die Bühne, um zu demonstrieren, wie Popkonzerte aus sich heraus demontiert werden können, ohne dabei ins Absurde abzudriften.

Bisherige Touren der Schweden verliefen eher arty, aber düster und die Geschwister „versteckten“ sich hinter dunklen Outfits und Vogelmasken. Allen mit dem Album „Shaking The Habitual“ hatten sie im letzten Jahr schon einen sperrigen, hybriden Soundkraken veröffentlicht, der in seiner Abstraktheit alle Absurditäten der Moderne darstellte und den Informationsüberfluss musikalisch vertonte. Die Abschieds-Tour spiegelte diesen Overload perfekt wieder und präsentierte sich als kunterbuntes Stundenprogramm.

Die Bühne beherbergte eine Showtreppe in Silberfolie, auf deren Kommandostand auf der Brücke der inzwischen zum Wahlberliner gewordene Olof Dreijer stand und von da für die Sample- und Synthesizer-Sounds sorgte. Wo genau seine Schwester Karin stand und den Gesang beisteuerte, war in des nicht so genau auszumachen. Denn sie verschwand inmitten der vielen Tänzer, die alle die gleichen Discodresse und Glitzerschminke trugen. Erschwerend kam hinzu, dass im Laufe der knapp einstündigen Show alle mal ans Mikrofon traten. The Knife dekonstruierten so das Duo-Projekt und erschufen so ein Kollektiv-Erlebnis, dass den Pop-Zentrismus ad absurdum führt.

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Diese komplexe Show, die alle Sinne gleichermaßen forderte, sorgte allerdings beim Publikum auch für eine Reizüberflutung. Wohin schauen? Worauf hören? Wie und wann tanzen? Erschwerend kam auch die Location selbst dazu. Denn wie schon bei einigen Veranstaltungen zuvor (vor allem zuletzt bei The Libertines oder während des Berlin Festivals) schluckte die Arena in Treptow mal wieder die Atmosphäre. Denn einmal mehr konnten nur die vorderen Reihen einen perfekten Blick auf die Bühne genießen. Alle anderen erhaschten nur mit viel Glück (stückweise) Aussicht auf das Bühnenspektakel und wünschten sich einmal mehr eine Leinwand. Auch der Sound wapperte und hallte streckenweise dumpf durch die Arena, sodass die Fans viel Energie aufwenden mussten, um die Songs zu identifizieren oder den Soundmatsch zu ignorieren. Dieser (größere) Wermutstropfen blieb dann jedoch hängen und nahm der Abschiedsshow traurigerweise die Dramatik und zerstörte ein wenig das Gesamtkonzept.

Nichtsdestotrotz setzten The Knife mit ihrer Show am Montagabend einen perfekten Schlussakzent ihrer Karriere und präsentieren zum letzten Mal mit einer bunt gemischten Setlist einen beeindruckenden Querschnitt ihrer turbulenten Diskografie.

Auch wenn die Geschwister Dreijer der Musikbranche erhalten bleiben werden (u. a. in Form von Karins Solo-Nummer namens „Fever Ray“), so wird dieses Projekt namens „The Knife“ eine große Lücke in der Elektro-Szene hinterlassen, dass nur schwer an seiner kritischen Extravaganz zu überbieten sein wird.

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